Schlagwörter: heribert prantl

Qualität kommt nicht von Qual

Es scheint, dass in Deutschland der Beruf vor allem weh tun muss. Geht hingegen etwas leicht von der Hand, kann es sich nach allgemeiner Auffassung nur um ein Hobby handeln. Der Beruf ist eine ernste Angelegenenheit und muss uns alles abverlangen: Schweiß, Mühsal, Blut und Tränen, mindestens. Anders lässt sich auch der Ausspruch „Qualität kommt von Qual“, der überwiegend in journalistischen Kreisen immer wieder gern zitiert wird, nicht erklären.

Mutmaßlich geht dieses Bonmot auf Wolf Schneider zurück, der hinzugefügt haben soll: Einer müsse sich immer plagen, der Redakteur oder der Leser. Und da Texte dem Leser Vergnügen bereiten sollten, müsse sich eben der Redakteur beim Schreiben plagen, um Qualität zu erreichen.

In der Hamburger Journalistenschule, deren Gründer und erster Schulleiter Wolf Schneider war, hängt dieser Spruch noch immer: in Stein gehauen, im Seminarraum, sodass ihn die Referenten immer vor Augen haben – und die Journalistenschüler im Nacken.

Jüngst hat dieses Motto Heribert Prantl, der Innenpolitik-Chef der Süddeutschen Zeitung, wieder aufgegriffen in der Überschrift zu seiner Einleitung des journalistischen Handbuchs „Universalcode“ (Rezension). Prantls Einleitung ist wie das Buch – gut. Die Überschrift ist es nicht. „Qualität kommt von Qual!“ mag ein treffendes Motto für einen Sado-Maso-Club sein. Als Leitwort für Journalistenschüler und gestandene Redakteure taugt der Satz nicht. Denn wer sich beim Schreiben fortwährend quält, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er den richtigen Beruf ergriffen hat.

Von einem Geo-Redakteur habe ich einmal den Satz gehört, dass in der Redaktion regelrecht „um Texte und um Sätze gerungen“ werde. Ich sah die Geo-Redakteure vor mir: ringen und kämpfen. Und hörte sie ächzen und stöhnen. Und ich hätte ihnen so gern zugerufen: Versucht doch Reportagen einfach mal zu schreiben und dann zu redigieren. Warum muss denn alles immer Kampf und Krampf sein?

Qualitativ gute Texte entstehen vor allem dann, wenn Schreiber Freude an ihrer Arbeit empfinden und ihre Geschichten sorgfältig planen und formulieren. Qualität kommt nicht von Qual, egal ob beim Schreiben oder bei anderer Arbeit, sondern von Sorgfalt und Freude am Tun. Wer daran zweifelt, schaue sich das bereits erwähnte Buch „Universalcode“ an. Die meisten Texte überzeugen inhaltlich und sind allesamt von Autoren geschrieben, denen man zwischen den Zeilen die Begeisterung für ihren Beruf anmerkt. Auch ist meines Wissens nirgendwo belegt, dass zum Beispiel  bei der Gründung vieler erfolgreicher Web-Start-ups die Qual im Vordergrund gestanden hat. Nach dem Motto: „Hey, jetzt wollen wir uns mal richtig schön quälen, um etwas Gutes hinzukriegen!“

Deshalb wünsche ich allen Lesern meines Blogs und allen Kollegen für das Jahr 2012 vor allem – viel Freude bei der Arbeit!

Heribert Prantl über die Zukunft des Journalismus

Dieser Tage wird ein neues, spannendes Buchprojekt der Journalisten und Herausgeber Christian Jakubetz, Ulrike Langer und Ralf Hohlfeld ausgeliefert: „Universalcode. Journalismus im digitalen Zeitalter“. (Besprechung folgt demnächst in diesem Blog). Christian Jakubetz begleitet die Veröffentlichung mit Podcasts. Im gerade erschienenen Beitrag befragt Pauline Tillmann Heribert Prantl, den Innenpolitik-Chef der Süddeutschen Zeitung, zur Zukunft des Journalismus. (Prantl hat auch das Vorwort zum Buch „Universalcode“ geschrieben.)

© Christian Jakubetz